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EBSW - Martin Fischer erzählt

„Viele Menschen hatten noch nie einen Kontakt zu sehbehinderten oder blinden Menschen. Anders war es bei mir. Meine Patentante, Klara Fischer, liebevoll Klärle genannt, kam schon mit einer schweren Sehbehinderung auf die Welt. Auf den Gruppenfotos ihrer großen Familie schaute sie als einzige immer in ein Buch, weil sie die hellen Lampen im Fotoatelier nicht ertragen konnte.

Schon als kleiner Bub durfte ich sie führen. An eine Begleitung erinnere ich mich als damals 10-jähriger noch sehr gut. Sie war ständig in Behandlung bei der Augenärztin Frau Dr. Hager in Backnang. In dem tropisch heißen Sommer 1947 bat sie mich einmal, sie nach dem Arztbesuch noch zur Firma Windmüller zu begleiten, um selbst gehäkelte Einkaufsnetze und Hängematten anzubieten.

Wir mussten über die Murr, welche nur noch ein schwarzes, bestialisch stinkendes Rinnsal war. Backnang nannte sich damals auf den Ortsschildern noch „Die süddeutsche Gerberstadt“. Nach dem Krieg gab es dort noch etwa 100 Gerbereien, welche für ihre Arbeit viel Wasser aus der Murr entnahmen. Und weil wir gerade unter der Coronapandemie leiden: Damals war es die Angst vor der oft tödlich verlaufenden Tuberkulose. Durch Futterknappheit bekamen zahlreiche Rinder Tuberkulose und gaben die Bakterien über die Milch weiter.

Leider hat meine Tante Klärle nach vielen, oft schmerzhaften Behandlungen und Operationen ihr Augenlicht vollständig verloren. Aber sie war trotzdem ein immer fröhlicher Mensch geblieben und für viele Leidensgenossen ein wertvoller Beistand. Lange Zeit machte mein Vater mit ihr in der nahen und weiteren Umgebung Besuche bei blinden Menschen, besonders um ihnen auch seelsorgerlich beizustehen.

Als so eine Besuchstour einmal in den Schwarzwald führte, durfte ich auch mitfahren. In einem abgelegenen Pflegeheim im Nagoldtal besuchten wir eine bettlägerige Taubblinde. Ihre Finger waren stark gekrümmt. Trotzdem schaffte es meine Tante, ihr ihren Namen in die halb geöffnete Hand zu lormen. Plötzlich ging ein Strahlen über ihr Gesicht und sie sagte „Klärle“. Ihr Mitbringsel war eine wohlriechende Seife.

1978 kam meine Tante ins Pflegeheim nach Schwäbisch Gmünd. Auch dort konnte sie noch für viele Leidensgenossen zum Segen werden. 1986 durfte sie im Alter von 79 Jahren heimgehen.

Glücklicherweise konnte mein Vater die Besuche zusammen mit Gerhard Weng aus Berglen-Spechtshof noch einige Jahre fortsetzen.

Und wie kam ich zum EBSW? Mein Vater hatte in den 70er-Jahren Kontakt zu Stefan Uber, dem Geschäftsführer des EBSW, der damals noch Christlicher Blindendienst hieß. Dort suchte man jemanden, der das Evangelische Gemeindeblatt für Württemberg auf Kassette auflas, es kopierte und den Versand vornahm.

Meine Frau erklärte sich zu der damals sehr umfangreichen Arbeit gerne bereit. Es waren bis zu 130 Abonnenten. Auf einer teuren amerikanischen Anlage mit fünf Kopierstellen wurden die Kassetten in ca. drei Stunden kopiert, was mit einem enormen Lärm verbunden war.

Nach über 20 Jahren musste meine Frau aus gesundheitlichen Gründen die ihr liebgewordene Arbeit aufgeben. Sie schätzte dabei auch die daraus resultierenden persönlichen Kontakte mit vielen Hörerinnen und Hörern.

Seit über zehn Jahren lese ich im Wechsel mit weiteren Ehrenamtlichen das Gemeindeblatt auf. Vieles ist gegenüber früher einfacher geworden. Aufgelesen wird direkt in den PC. Das fertige Gemeindeblatt wird dann per Datenübertragung nach Backnang in die Geschäftsstelle gesandt.

Im Jahr 2008 sprach mich Gerhard Weng an, ob ich nicht sein Nachfolger im Vorstand werden möchte. Diesem Gremium gehörte ich dann bis Ende 2020 an.

In den Vorstandssitzungen und bei den Jahres- und Mitgliederversammlungen merkte ich anfangs, wie unbedarft ich in vielen Fragen war. Wie führt man blinde Menschen? Auch hier sind die Techniken einem Wandel unterworfen. Ich nahm mehrmals an einem Führungstraining teil. Wie geht man richtig mit Betroffenen um? Wie vermittelt man Hilfe zur Selbsthilfe? Welche Hilfsmittel gibt es? Was bewirkt ein Mobilitätstraining? Dann der Erfahrungsaustausch von Ehrenamtlichen untereinander. Die Umsetzung des 2017 in Kraft getretenen Bundesteilhabegesetzes und der Forderung nach Inklusion war immer wieder Thema in den Sitzungen.

Angesichts der steigenden Zahl der infolge Diabetes und Makuladegeneration stark sehbehinderten und erblindeten Personen sehe ich den EBSW in Zukunft weiterhin verstärkt gefordert bei den daraus resultierenden psychischen Belastungen. Die seelsorgerliche Begleitung, ein besonderer Schwerpunkt des EBSW, ist hier sehr wesentlich. Auch die Beratung bei der Bewältigung des Alltags, u.a. mit Blick auf den Einsatz von Hilfsmitteln, ist wichtig. Die Vermittlung von Kontakten zu anderen Betroffenen und der Erfahrungsaustausch ist ebenfalls sehr wertvoll.

Zudem stellt sich mir die Frage, wie die Arbeit des EBSW noch besser bekannt gemacht werden kann, z. B. durch Anzeigen im Gemeindeblatt oder durch Rundschreiben an Gemeindepfarrer.

Ich möchte die interessante Zeit im Vorstand des EBSW nicht missen und freue mich, dass ich mit dem Auflesen des Gemeindeblatts weiterhin Freude machen kann.“

Martin Fischer (83 Jahre) aus Winnenden-Höfen engagierte sich von 2008 bis 2020 im EBSW-Vorstand. Neben dem Auflesen des Gemeindeblatts und des Rundbriefs weist der frühere leitende Bankangestellte neue Aufleserinnen und Aufleser in die Technik ein und fungiert als ihr Mentor. Zudem bringt er sich oftmals als Klavierspieler und mit Vorträgen bei Bezirkstreffen ein.

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