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EBSW - Ein Interview mit Eberhard Hahn

Pfarrer Eberhard Grötzinger, Mitglied des Vorstandes des EBSW, und Eberhard Hahn, Chorleiter und Webmaster des EBSW, sind seit der letzten Wanderfreizeit „per Du“. Eberhard Hahn leitet nun schon seit 25 Jahren den EBSW-Chor. Aus diesem Anlass führte Eberhard Grötzinger mit ihm folgendes Interview:

Eberhard Grötzinger (E.G.): Lieber Eberhard, Du hast mir einmal erzählt, als junger Mann seist Du vor der Wahl gestanden, entweder Kirchenmusik oder Mathematik zu studieren. Wie bist Du als Jugendlicher überhaupt zur Kirchenmusik gekommen?

Eberhard Hahn (E.H.): Schon als Kind hat mich die Musik sehr begeistert. Meine Mutter hat mit uns Kindern viel gesungen, und wenn wir eine Melodie gut beherrschten, sang sie eine zweite Stimme dazu. Gerade die Mehrstimmigkeit war es, was mich an Musik so faszinierte.

Als ich sechs Jahre alt war, nahm meine vier Jahre ältere Cousine Harmoniumstunden bei einem Kirchenmusiker im Nachbarort. Die Erwachsenen meinten, auch ich sollte Musikstunden nehmen, weil mir doch die Musik so gefiel, und natürlich auch, weil meine Cousine dann nicht mehr allein ins Nachbardorf wandern musste. Da wir jedoch kein Instrument besaßen, wurde ich in „Musiktheorie“ unterrichtet, d.h. ich musste die Grundgesetze von Kontrapunkt und Harmonielehre lernen. Damit war ich zweifellos überfordert, zumal ich keine Möglichkeit hatte, das Gelernte praktisch auszuprobieren. Aber immerhin habe ich damals gelernt, Musik sehr bewusst zu hören.

E.G.: Um Kirchenmusik zu studieren, muss man aber doch schon zuvor recht gut auf dem Klavier, am besten auch auf der Orgel spielen können. Wo hast Du das denn gelernt?

E.H.: In der Blindenschule Nikolauspflege in Stuttgart, in die ich mit acht Jahren kam, konnte ich Klavier- und später auch Orgelunterricht nehmen. Nachdem ich ins Gymnasium in Marburg, die spätere Carl-Strehl-Schule, eingetreten war, sang ich auch bald in einem Kirchenchor in der Stadt mit und lernte dort große Werke wie Bachs Johannespassion kennen.

Ich habe mich zwar doch für das Studium der Mathematik entschieden, aber daneben nahm ich auch wieder Orgelunterricht und legte schließlich die kirchenmusikalische C-Prüfung ab, für die nur ein Vorbereitungskurs, aber kein ausgewachsenes Kirchenmusikstudium erforderlich ist. Viele Jahre lang habe ich in verschiedenen Chören gesungen und mich auch immer wieder als Organist betätigt.

E.G.: Und wie war das dann mit dem EBSW-Chor?

E.H.: Zum EBSW-Chor bin ich Anfang der 1990er Jahre gekommen. Erwin Wieland, den blinden Musiklehrer an der Nikolauspflege, der 1979 den Chor gegründet hatte, habe ich leider nicht mehr als Chorleiter erlebt. Pfarrer Alfred Neupert, sein Nachfolger, musste das Amt aus gesundheitlichen Gründen schon nach wenigen Jahren abgeben. 1995 habe ich die Leitung des Chores übernommen.

E.G.: Im Dezember 2010 besuchten wir im Rahmen der Adventsfreizeit ein Kirchenkonzert in Nürnberg, bei dem auch ein langes, prächtiges, aber auch höchst kompliziertes Orgelstück, nämlich ein Präludium mit Fuge von Johann Sebastian Bach, dargeboten wurde. Nach dem Konzert hast Du zu mir gesagt: „Dieses Stück habe ich auf der Orgel auch schon gespielt.“ Ich war erstaunt: Du bist doch von Geburt an blind! Wie konntest Du Dir denn alle diese vielen Noten merken?

E.H.: Ich denke, zumindest ansatzweise haben wir ja alle die Fähigkeit, Musikstücke auswendig zu lernen. Man staunt oft selbst, wie viele Liedmelodien man „aus dem Herzen“ singen kann. Um sich mehrstimmige, längere, kompliziertere Stücke einprägen zu können, braucht es vielleicht eine gewisse Begabung, aber in erster Linie ist es wohl eine Frage des Trainings. Im Konzert erlebt man immer wieder Solisten, die auswendig spielen. Um ein schwieriges Stück gründlich einzustudieren, müssen sie es so oft spielen, dass sie am Ende kein Notenblatt mehr brauchen.

E.G.: Lernen blinde Menschen Musikstücke nur über das Gehör?

E.H.: Nein, es gibt auch für Blinde Musiknoten. Louis Braille, der Erfinder der Blindenschrift, war nicht nur ein begabter Blindenlehrer, sondern auch Musiker. Deshalb hat er mit seinen Sechspunktezeichen außer einer Text- auch eine Notenschrift konstruiert. Man muss nur wissen, ob man Klartext oder Noten vor sich hat, und die Sechspunktezeichen entsprechend deuten. Die Punktkombination, die man beispielsweise als den Buchstaben Y liest, bedeutet in der Notenschrift eine ganze Note C.

Da es viele blinde Musiker gibt, haben die Punktschriftdruckereien bedeutende Musikwerke wie etwa Bachs Orgelkompositionen mit Hilfe dieser Blindennotenschrift gedruckt. Diese Schrift muss allerdings mit den Fingern gelesen werden, und weil man die Finger auch zum Klavier- oder Orgelspiel benötigt, muss man sich die Stücke direkt von den Noten weg einprägen. Das ist absolut nicht vergleichbar mit dem, wie Sehende ein Musikstück auswendig lernen. Es braucht viel mehr Konzentration und Ausdauer, aber auch hier lässt sich durch Übung viel erreichen.

Nun muss man allerdings sagen, dass nur relativ wenige Blinde die Blindennotenschrift beherrschen. Wer kein Instrument spielt, hat normalerweise keine Gelegenheit, sie zu lernen.

E.G.: An alle Chormitglieder schickst Du vor der ersten Probe eine CD, auf der sie ihre jeweilige Stimme und den Zusammenklang aller Stimmen im Voraus hören können. Mir ist es ein Rätsel, wie Du es schaffst, eine solche CD auf dem Computer herzustellen.

E.H.: Schon Herr Neupert hat an die Choristen Vorbereitungskassetten verschickt. Diese Technik habe ich zunächst übernommen. Nun hatte ich aber während meiner Berufstätigkeit sehr viel mit Computerprogrammierung zu tun. Diese Kenntnisse ermöglichten es mir, ein Programm zu entwickeln, mit dem der Computer Braillenoten gewissermaßen direkt abspielen kann. Das geht deshalb so problemlos, weil die Braillenoten wie Textzeichen aussehen, also über die normale Tastatur wie Buchstaben eingegeben werden können. Mit Hilfe des Computers waren die Kassetten bedeutend leichter zu erstellen. Seit 2010 benutzen wir CDs, die sich noch einfacher bespielen lassen, weil man den Computer mit geeigneter Software auch als Aufnahmegerät und als Mischpult verwenden kann.

Die Vorbereitungs-CDs sind gerade für solche Sängerinnen und Sänger eine große Hilfe, die keine Noten lesen können. Aber selbst in Chören, in denen ausschließlich sehende Personen mitsingen, hat diese Vorbereitungstechnik inzwischen Einzug gehalten.

E.G.: Nun leitest Du schon 25 Jahre lang den EBSW-Chor. Da hast Du Dir für das nächste Jahresfest sicher ein besonderes Programm ausgedacht. Willst Du es den Lesern des Rundbriefes im Voraus schon verraten?

E.H.: Beim Jahresfest am 26. Mai wird der Chor das Nachmittagsprogramm bestreiten. Wir wollen da ein bisschen zurückblicken auf das, was wir als Chor in den vergangenen Jahren so alles erlebt haben. Mehr möchte ich heute noch nicht ausplaudern, denn es soll ja für die Zuhörer eine Überraschung sein.

Unser Chor war von Anfang an eine inklusive Einrichtung, als man das Wort „Inklusion“ noch gar nicht kannte. Hier singen blinde, sehbehinderte und sehende Menschen miteinander, und dass einige von uns eine Behinderung haben, gerät derweil völlig in Vergessenheit. Sicher ist das ein wesentlicher Grund dafür, dass unsere Chormitglieder mit so großer Begeisterung bei der Sache sind. Für mich ist es ein wunderbares Geschenk, einen solchen Chor leiten zu dürfen.

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