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Helmut Borchers: Veränderungen durch Corona

Die Veränderungen durch Corona –
was mir dabei wichtig geworden ist

Im März 2020 hat sich die Welt für jeden von uns total verändert. Alle Veranstaltungen, alle Treffen, alle Besuche etc. wurden abgesagt. Auch die Arbeit wurde aus dem sogenannten Homeoffice erledigt. Jeder war völlig verunsichert.

Für uns Menschen mit Sehbehinderung bzw. Blindheit hatten diese Einschränkungen noch viel weitreichendere Folgen. Doch im Laufe der Zeit haben wir uns an die Veränderungen gewöhnt und sie wurden zur Normalität. Nicht nur das, sondern wir sahen darin auch so manche Vorteile.

Zu Beginn kam es mir so vor, als bekäme ich unendlich viel Zeit geschenkt. Keine Termine außer Haus wie Treffen, Gottesdienste, Konzertveranstaltungen, Verabredungen mit Freunden, etc.

Das Arbeiten von zu Hause aus brachte dank der Technik viele Vorteile. Ich sparte mir den mühsamen Weg zur Arbeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Ich saß zu Hause in meiner gewohnten und vertrauten Umgebung an meinem Schreibtisch mit meinem Kaffee. Ich vermisste die Kollegen nicht, denn mittels meines Computers blieb ich mit ihnen per Telefon oder Textnachricht im Kontakt.

„Das ist bequem und kann auf Dauer so bleiben“, so dachte ich. Deshalb haben mich die Lockerungen am Arbeitsplatz auch etwas beunruhigt. Denn mein Chef fragte mich, ob ich auch wie die anderen Kollegen an einigen Tagen pro Woche wieder ins Büro kommen wolle. „Wie wird das bloß werden?“, so fragte ich mich, denn ich war völlig aus der Übung, mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs zu sein. Auch hatte sich mein kleiner Sehrest, falls man es noch so nennen konnte, in der Zwischenzeit weiter verringert.

Im Juli dieses Jahres vereinbarte ich mit meinem Chef, an drei Tagen pro Woche versuchsweise wieder ins Büro zu kommen. Zu Beginn war es sehr hart für mich. Der Fußweg zur Haltestelle dauerte länger als vor Corona. Einmal fand ich auf dem Bahnsteig nicht rechtzeitig die offene Tür in die S-Bahn, und sie fuhr ohne mich ab. Anfangs lief ich ab und zu auf dem Firmengelände an der Treppe zur S-Bahn vorbei und hatte dann Sorge, meine Bahn zu verpassen. Welche Mühe, welch ein Zeitaufwand, und wozu das alles?

Erst durch das Wagnis, wieder am wirklichen Leben teilzunehmen, verstehe ich, was mir in den letzten 27 Monaten gefehlt hat:

Der Arbeitsweg verschafft mir wieder mehr Bewegung im Alltag. Mit meinen Sinnen nehme ich die echte Welt wahr. Es riecht nach Herbst mit den Gerbstoffen aus dem fallenden Laub, das unter den Füßen raschelt. An der Wegkreuzung duftet es nach Fichtennadeln. Ich höre die Kinder auf ihrem Schulweg. Von einer Einfahrt wird mir ein freundliches „guten Tag“ zugesprochen, oder ich werde gefragt: „Benötigen Sie Hilfe?“. Das ist echtes und reales Leben. Das fühlt sich gut an!

Beim Mittagessen mit meinen Kollegen und beim täglichen Spaziergang danach komme ich mit ihnen ins Gespräch. Die Themen sind viel persönlicher und vielfältiger als die Themen am Computer im Homeoffice. Erst im Rückblick merke ich, wie gut mir die Unterhaltungen mit einem direkten Gegenüber tun und ich diese vermisst habe.

Erst jetzt wird mir klar, dass das vertraute und komfortable Homeoffice auch Nachteile hat. Denn der Weg zur Arbeit bleibt zwar mühsam, doch ich bekomme dafür auch etwas. Obwohl ich gedacht habe, mir fehlt nichts und die Telefonkontakte reichen mir, merke ich jetzt: Der „echte“ Kontakt mit Kollegen fühlt sich nicht nur gut an, sondern er gibt mir mehr als der Kontakt am Telefon.

Vor wenigen Wochen noch hat mich der Gedanke, allein mit Bus und Bahn in die Stadt zur Mitgliederversammlung zu fahren, sehr beunruhigt. Ich war völlig aus der Übung. Durch Corona habe ich auch ein Stück meiner Selbstständigkeit und Selbstbestimmtheit verloren. Das wird mir erst jetzt bewusst. So langsam komme ich wieder in Übung. Deshalb bin ich froh, dass ich mich auf den Versuch eingelassen habe, wieder ins Büro zu gehen. Es hat eine Zeit gedauert, mich damit wieder anzufreunden, und viel Überwindung gekostet, doch es hat sich gelohnt. Ich bekomme dafür sehr viel. Ich kann jeder und jedem nur Mut machen, Verlorengegangenes wieder zurückzugewinnen, vielleicht auch mal wieder an den Treffen des EBSW vor Ort teilzunehmen.

Ihr Helmut Borchers

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